Glaskunst verbindet Geschichte und Zukunft

Historische Glashütte Schliersee und zeitgenössische Glaskunst von Louise Lang in der „Fuge“ zwischen historischem Heimatmuseum und Neubau

Glaskunst von Louise Lang in der „Fuge“ zwischen historischem Heimatmuseum und Neubau. 

 

Glas hat einst die Geschichte von Schliersee geprägt und ist doch weitestgehend in Vergessenheit geraten. Das ändert sich jetzt. Mit einer Ausstellung von historischem Schlierseer Glas und zeitgenössischer Glaskunst von Louise Lang erfolgte die feierliche Eröffnung des Neubaus am Heimatmuseum.

Schliersee ist um einen beneidenswert schönen Veranstaltungsort reicher. Mit dem modernen Anbau an das älteste Gebäude Schliersees, das Heimatmuseum, ist ein neuer Ort der Begegnung entstanden. Geplant hat den Neubau Architekt Johannes Wegmann, der gemeinsam mit Marion Riedl von der Gästeinfo alljährlich den Kulturherbst organisiert. Eine „Fuge“ verbindet die historische Bausubstanz mit dem Neubau. Dort gibt eine Glaswand den Blick frei auf die über 600 Jahre alte Mauer des Gebäudes. Genau dort in der Fuge spielte am Samstagabend die „Schlierseer Weinbergmusi“ zur Eröffnung einer ungewöhnlichen Ausstellung.

Historisches Heimatmuseum und moderner Neubau
Historisches Heimatmuseum und moderner Neubau. 

„Glas soll die Geschichte Schliersees greifbar und fühlbar machen“, sagte Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer in seiner Eröffnungsrede. Die Ausstellung solle darauf hinweisen, dass Glasgegenstände nicht nur einen materiellen Wert haben. Sie sind auch ein Stück wertvoller Geschichte und kultureller Identität der Marktgemeinde.

„Schlierseer Vase“

Wie sie diese beinahe in Vergessenheit geratene Glasgeschichte gemeinsam mit einem sachkundigen Schlierseer ans Licht gehoben habe, beschrieb Christiane Sellner. Die Expertin für historische Glaskunst in Potsdam sei sich dabei fast wie Heinrich Schliemann vorgekommen. Denn mit den wertvollen Hinweisen vervollständigte sich ihre jahrelange Recherche. Der Begriff „Schlierseer Vase“ hatte die Historikerin schließlich an den Schliersee gelockt und nach Exponaten der ehemaligen Glashütte am Breitenbach suchen lassen. Diese war vor 150 Jahren im Jahr 1868 gegründet und bereits 1914 wieder geschlossen worden.

Innovative Glashütte am Breitenbach international gefragt

In den 46 Jahren ihres Bestehens seien in dieser äußerst innovativen und kreativen Glashütte Exponate von internationalem Rang geschaffen worden. Sie wurden zahlreich nach England und Frankreich exportiert und suchten dort ihresgleichen. Im Vorfeld der Ausstellung wurden Bestände des Heimatmuseums gesichtet. Zahlreiche Schlierseer Bürger und Bürgerinnen öffneten zudem ihre Schatztruhen, sodass die jetzige Ausstellung einen umfangreichen Einblick in die hohe Schlierseer Glaskunst ermöglicht.

Blick in die historische Glasausstellung im alten Heimatmuseum
Blick in die historische Glasausstellung im alten Heimatmuseum. 

Mit dieser Ausstellung, so Johannes Wegmann, wolle man nun die großartige Geschichte der Glashütte am Breitenbach mit der Zukunft des Glases verknüpfen. So wie die Fuge den alten und den neuen Gebäudeteil verbindet, schafft sie auch den Übergang von den historischen Schlierseer Gläsern zur visionären Glaskunst von Louise Lang. Die junge Künstlerin aus dem Bayerischen Wald mit familiären Wurzeln im Landkreis Schliersee hat sich früh schon mit Leidenschaft dem Glas verschrieben. 16-jährig begann sie eine Lehre in Zwiesel. Nach der Ausbildung zur Glasmacherin arbeitete sie zwei Jahre für Kost und Logis in Glasstudios auf der ganzen Welt. Heute studiert sie Freie Kunst und Bildhauerei. Dem Glas bleibt sie treu, es ist ihr zentrales Arbeitsmaterial.

Glaskünstlerin Louise Lang vor Glasobjekten und Siebdrucken
Glaskünstlerin Louise Lang vor Glasobjekten und Siebdrucken. 

Ihre bemerkenswerten Arbeiten zeigen nicht nur ein breites Spektrum der Möglichkeiten zeitgenössischer Glasbearbeitung, sondern besonders kühne Entwürfe und deren meisterliche Umsetzung. Ihr ist wichtig, Glas in seinen unterschiedlichen Zuständen zu zeigen, als hauchdünne Glasfolie beispielsweise oder in Form wuchtiger Schmelzgläser.

Ausloten der Grenzen des Machbaren

Wie treten am deutlichsten Spiegelungen zutage, wie wird Licht am stärksten reflektiert, wo lösen sich in der gläsernen Transparenz die Formen auf, wenn man eng stehende Figurengruppen bildet? Und wo liegen indes die Grenzen der Spannung? Der spielerische Umgang mit der Glasspannung und ihren Grenzen wird in einer Serie von „Sprunggläsern“ am deutlichsten. „Böhmischer Wind“ nennt die junge Künstlerin ihre Ausstellung, in der sich kühne Kunstobjekte mit nützlichen Gebrauchsgegenständen abwechseln. Dazu zeigt sie bemerkenswerte großformatige Siebdrucke, die mit Farbe, Licht und Raum spielen, genau wie ihre blockartigen Schmelzgläser.

"Schlierseer Vasen"
Typische Form der „Schlierseer Vasen“. Foto: IW

Dass Glas indes nicht nur optisch, sondern auch akustisch zum Kunstwerk wird, bewies Sabine Dobbertin aus Augsburg, die ihrem Verrophon zauberhafte musikalische Geschichten entlockte. So schön habe sie die Glasharfe noch nie gehört, war dann auch das Lob aus dem fachkundigen Munde Christiane Sellners.

Aufruf an Schlierseer Bürgerinnen und Bürger

Die Glashistorikerin überreichte dem Heimatmuseum als Geschenk eine „Schlierseer Vase“ – auf dass der Bestand wachse. Daran können beispielsweise auch alle Schlierseerinnen und Schlierseer mitwirken, indem sie ihre Dachböden nach weiteren Schlierseer Gläsern durchsuchen. Dem Kulturherbst gelingt damit einmal mehr, die Gemeinschaft des Ortes einzubeziehen und zu stärken. Genau so funktioniert die großartige Veranstaltungsreihe auch innerhalb des künstlerischen Netzwerkes in Schliersee.